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Astrid Mathis

  • Astrid MathisAstrid Mathisin Osterburg geboren

  • studierte Deutsche Literaturwissenschaft und Englische Literatur und Kultur in Potsdam

  • seit 1991 Mitglied im Club Altmärkischer Autoren

  • schreibt, liest und lebt in Berlin

  • trotzdem leidenschaftliche Altmärkerin

  • arbeitet für die Zeitung und für verschiedene Film- und Theaterproduktionen

  • macht auf dem Weg zur Prosa gern bei lyrischen Gedichten Station


 

Irgendwohin fahren,

nur nicht anhalten,

nachdenken,

umkehren

oder verrückt werden.

Weiter nach vorn

aufs Gas,

schneller sein

als die Zeit,

auch wenn

sie kommt

für mich.

An der Elbe

Dort, wo das Gras sich dicht zusammendrängt
Und menschenleer die Pfade sind,
fand ich dich - im ruhigen Fluss.
Noch schritt ich langsam nur voran,
verharrte.
Da stand ich nun
Wurzelschlagend und forttreibend
Mit hohem Kopf, enggeschultert.
Die Hand strich sich allein dorthin
So nah fasste sie mein Ziel
Und hielt doch nichts.
Ich schloss die Augen
Und hatte - alles.


 

Freunde

Ich weiß, ich bin etwas altmodisch. Ich bin nicht bei Facebook und habe noch nie meine Freunde gezählt. Es gab Zeiten, da hat mich zur Weißglut getrieben, wenn mich meine schwangeren Freundinnen gefragt haben, wann es bei mir so weit wäre. Die Frage kam aber nicht so oft wie die wegen des Internetportals. Jetzt hakt jede Woche ein anderer nach: „Wann ist es denn endlich bei dir soweit?“

Ich habe festgestellt, dass es viel weniger Schwangere gibt als Leute, die nur noch diese eine Kommunikationsquelle kennen. Anders sind sie nicht mehr erreichbar. Oft beklage ich mich, warum meine E-Mails nicht beantwortet werden. E-Mail – das war doch auch mal eine Kommunikationsmöglichkeit. - Geht nicht mehr. Sie sagen dann solche Sachen wie: „Du, das habe ich alles schon bei Facebook reingeschrieben. Dann ist das für mich als Information weg. Außerdem ist es ganz praktisch. Man kann einfach allgemein einladen zum Theater oder zur Party, ohne aufdringlich zu sein. Du wirst sehen, man spart Zeit und hält trotzdem zu allen Kontakt. Komm doch zu Facebook.“ Pah! Das ist nicht mein Ding - wenig Zeit investieren und gleichzeitig gut dastehen.

Neulich war ich allerdings fast so weit. Ich hatte einen Theater-Termin und viele Bilder geschossen, ebenso meine Freundin Moni. Hinterher habe ich sie gefragt, ob ich mir die Fotos mal ansehen könnte, vor allem die von meinen Lieblingsdarstellern. „Die stelle ich ins Netz. Da kannst du sie dir angucken.“ Meine Kinnlade klappte nach unten. Ich wollte doch nur einen Blick auf das Display werfen.

Damit nicht genug. Ich hörte sie sagen: „Martin ist übrigens auch bei Facebook. Ich bin seine Freundin. Hat zwar sechs Wochen gedauert, und zuerst hat er mich ignoriert, aber jetzt habe ich es geschafft.“ - Martin. Hm, ich überlege, ob ich ihr eine knalle. Das ist doch meiner. Und jetzt sind die Zwei Facebook-Freunde. Sechs Wochen. Schlampe! Moni ist jetzt nicht mehr meine Freundin. Ich stehe kurz davor, mein altmodisches Gehabe sein zu lassen und alle Leute zu fragen, ob sie meine Freunde werden wollen. Bei Facebook.

Das hat Moni ganz genauso gemacht. Ich glaube, sie hat 138.

Nun bin ich aber immer noch nicht bei Facebook. Martin hat nämlich einfach auf meine E-Mail geantwortet. Vielleicht frage ich ihn bei Gelegenheit, ob er mein Freund sein will. Momentan habe ich dafür keine Zeit. Ich mache die Steuer. Alle machen die Steuer. Das weiß ich auch ohne diese Internet-Rundinfo, weil das am Ende das Jahres immer so ist. Seit vier Wochen liegt sie schon auf meinem Tisch, und sie wird einfach nicht fertig. Ich frage mich, wie das andere Leute machen. - Ich frage meine Sachbearbeiterin, wie das andere Leute machen. Sie meinte: „Schicken Sie mir das bloß nicht wieder handschriftlich zu. Das ist altmodisch. Dafür gibt es die Internetvariante.“

- Ich glaube, ich könnte mal wieder Fenster putzen. Das erscheint mir gerade viel wichtiger, als die Steuererklärung abzuschließen. Oder ich könnte mein Fahrrad reparieren oder mein Auto. Ja, mein Auto. Oder ich gehe doch zu Facebook. Dann habe ich sowieso für nichts anderes mehr Zeit. Und da frage ich Martin auch, ob wir schon Freunde sind. Ja, Freunde. Vielleicht kann ich damit die Schwangerschaftsfrage gleich mit erledigen. Das ist weniger persönlich, also aufdringlich.

Nun bin ich also bei Facebook. Es ist toll. Und vor allem sind da alle Freunde, von denen ich seit Ewigkeiten nichts gehört und gelesen habe. Ju hu! Sie haben sofort entdeckt, dass ich eingestiegen bin. Ich bekomme Post mit Glückwünschen, dass ich jetzt zu ihnen gehöre, und sie schicken mir Fotos mit lustigen Motiven, die ich stundenlang anklicke und mich die Zeit vergessen lassen, meine Steuererklärung, meinen Wellensittich, meine Mutter. Außerdem erfahre ich bei der Gelegenheit endlich, wer auf dieselben Filme steht wie ich und das Buch mit dem Briefwechsel von A.R. Gurney hat. Das gab es nicht einmal auf Deutsch im Zentralen Antiquariat, und ich habe es monatelang gesucht. Was könnte ich denn noch herausfinden wollen? Ach, ich hab’s. Ich stelle erst einmal eine Einladung zu meiner nächsten Lesung rein. Mal sehen, wer kommt. Wo ich doch jetzt nicht so aufdringlich bin. Da müssen ja die Massen herbeiströmen. Moni hat mich übrigens gefragt, ob ich ihre Freundin sein will. Ich habe sofort zugesagt, ich bin ja nicht nachtragend. Vielleicht kommt sie zu meiner Lesung. Davon abgesehen habe ich mit ihr schon insgesamt 142 Freunde, das sind drei mehr, als sie dann hat, und das gibt mir ein verdammt gutes Gefühl. Übrigens habe ich Martin tatsächlich gefragt, ob er mein Freund sein will. Per Facebook. Er hat mir daraufhin eine Mail geschrieben und erklärt: „Was soll die Frage? Wir sind doch sowieso schon Freunde.“

Wenn er mir jetzt noch sagt, dass er ein Kind von mir will, wird das noch ein richtig gutes Jahr.