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Diana Kokot

  • Diana KokotDiana Kokot1955 in Salzwedel geboren, lebt jetzt in Osterburg

  • studierte Journalistik in Leipzig, arbeitete danach u.a. bei der Presse und im öffentlichen Dienst

  • seit 2003 freiberuflich tätig als Autorin, Journalistin und Herausgeberin

  • schreibt neben Lyrik auch Erzählungen, Krimis und Kinder-Texte, die in verschieden Literaturzeitschriften und Anthologien veröffentlicht wurden

  • leitet seit Jahren diverse kreative Schreibprojekte und -werkstätten, z.B. als Schulschreiberin an der Sekundarschule Bismark und der Grundschule Hohenberg-Krusemark

Buchpublikationen:

  • „An einem Sonntag ohne Zifferblatt“, Gedichte, (Ziethen-Verlag Oschersleben) 2003

  • „Wenn es dunkel wird in Bismark“, Krimi-Anthologie der Reihe „Tatort Ost“, (Mitteldeutscher Verlag Halle) 2006

  • „Im Innern der Sanduhr“, Erzählungen, (Dorise-Verlag Burg/Erfurt) 2007

  • „Zwanzig Jahre danach“, Anthologie zur friedlichen Revolution, (Projekte-Verlag Halle) 2009

  • „Eulenblumen und Pustespiegel“ , Anthologie für Kinder im Vorschul- und Grundschulalter, (Mitteldeutscher Verlag Halle) 2009

  • „Blasenwurst und tote Oma“, Krimi-Anthologie der Reihe „Tatort Ost“, (Mitteldeutscher Verlag Halle) 2009

  • „Zaubersprüche &Sachsenspiegel“, Anthologie für Schüler der Sekundarstufen, Mitteldeutscher Verlag Halle 2010

  • „Jenseits der Jagd“ , Gedichte, (Dorise-Verlag Burg/Erfurt) 2012

  • „Ich sterbe, wenn ich nicht schreibe“, Anthologie zum Brigitte-Reimann-Jahr (Dorise-Verlag Burg/Erfurt) 2013

Zahlreiche Veröffentlichungen von Lyrik und Kurzprosa in Literaturzeitschriften, u.a. in „Ort der Augen“, „Muschelhaufen“ und „Eremitage


 

Als die eisigen Tage endlich vorüber waren

kamen sie hervorgekrochen
sahen einander an wie beim ersten Mal
im Hof machten sie ein großes Feuer
verbrannten die letzten Bäume
während die Kinder kreischend
um die Flammen jagten
liebten sich ihre Eltern in Treppenfluren
und in den Hauseingängen saßen die Alten
erzählten von den Sommern ihrer Kindheit.

Ohne Schuld

Nichts
habe ich getan.
Ich war fern,
musste nicht zusehen
brauchte nicht eingreifen.
Sogar mein Mitleid
verspätete sich.
Als ich heimkehrte
da war das Blut
schon versickert.
Meine Abwesenheit
hatte mich klug gewählt.


 

Traumzeit

Dass ich die Schuhe vergessen konnte ...
Ich ließ sie im Garten.
Wir tranken Wein auf dem Balkon
die ganze Nacht
wolltest du dieselbe Musik hören
und mir die Füße wärmen.
Erst als ich ging
vermisste ich die Schuhe.
Da war schon Gras über sie gewachsen

Durchs Tor treten

und den Garten nicht mehr finden
nicht die Laube
keine Kletterrosen
nur noch der Nussbaum steht
mit dem zerfaserten Seil
an dem ich mich aufwärts zog
um in der Ferne die Pferde zu sehen
und den Mond aus der Nähe.
Nie aber sah ich dieses Ende.


 

Letzter Gruß von Schneewittchen

Ich hab auf deinem Stühlchen gesessen
ich hab von deinem Tellerchen gegessen
ich hab aus deinem Becherchen getrunken
hab in deinem Bettchen gelegen
einmal
zu oft.


 

Drachenfreund

Mittags war Wind aufgekommen, darum fuhr er früher als sonst los. Tief über den Fahrradlenker gebeugt kämpfte der Mann gegen die einzelnen Böen an. Als er endlich die Wiese am Stadtrand erreichte, war er durchgeschwitzt. Der Mann lehnte sein Fahrrad an einen Baum und nahm den Koffer vom Gepäckträger.
Dann sah er den Jungen. Der rannte mit ausgebreiteten Armen über die Wiese und versuchte das Motorengeräusch eines startenden Flugzeugs nachzumachen. Bei jeder Bewegung flatterte der rote Anorak. Das erinnerte den Mann an einen Marienkäfer.
Doch er wendete sich ab, öffnete den Koffer und nahm einen Drachen heraus. Vorsichtig legte er ihn in einer Senke aufs Gras und begann die Schnur abzuwickeln. Der Junge war stehen geblieben und beobachtete jeden Handgriff. Als der Mann ihm zunickte, kam er langsam näher. „Ist das dein Drachen?“ fragte er neugierig und wischte sich mit dem Ärmel den Rotz von der Nase.
„Hast du kein Taschentuch?“
Der Junge griff in beide Jackentaschen, dann schüttelte er den Kopf.
„Das ist aber ein schöner Drachen, hast du den selber gebaut?“
Der Mann zerrte ein blaukariertes Taschentuch aus seiner Hose, drückte es dem Jungen in die Hand und fragte ärgerlich: „Lernt ihr denn in der Schule nicht, dass man zu Erwachsenen nicht du sagt?“
Der Junge blickte ihn erstaunt an. „Ich komme erst nächstes Jahr in die Schule.“ Dann schnäuzte er kräftig ins Tuch, und nachdem er es in die Tasche gesteckt hatte, fragte er: „Und was machen wir jetzt?“
„Ich lassen den Drachen steigen, und du solltest wohl besser gehen. Bestimmt wartet deine Mutter schon auf dich!“
Der Blick des Jungen wanderte unschlüssig zwischen dem Mann und dem Drachen hin und her. Dann sagte er: „Kann ich nicht dabei sein, wenn du den Drachen steigen lässt? Meine Mama kommt erst um vier von der Arbeit. Da haben wir doch noch Zeit, oder?“
Der Mann griff erneut in seine Hosentasche. Dieses Mal holte er kein Taschentuch hervor sondern eine silberfarbene Uhr an einer langen Kette.
Er ließ den Deckel aufspringen, warf einen kurzen Blick aufs Zifferblatt und sagte dann, während er die Uhr wieder einsteckte: „Es ist noch nicht mal drei. Du kannst mir helfen, wenn du willst. Aber mach deine Jacke zu, sonst wirst du noch krank...“
„Der Reißverschluss ist kaputt! Mama meckert bestimmt, sie hat den Anorak erst am Montag gekauft...“
„Taugt heutzutage alles nichts mehr“, knurrte der Mann. „Mit den Drachen ist es genauso. Die es Laden gibt, kosten einen Haufen Geld und können gar nicht richtig fliegen...“
„Und darum baust du dir deine Drachen selber?“
Der Mann nickte und reichte dem Jungen die Schnur. „Du musst laufen so schnell du kannst, und wenn du merkst, dass der Drachen zu fliegen beginnt, dann gibst du ihm noch mehr Schnur, damit er hochsteigen kann, verstanden?“
Das Kind wollte sofort loslaufen, aber der Mann hielt ihn mit einer Hand am Arm fest. Mit der anderen Hand zerrte er sich den Schal vom Hals. „Bind dir den um!“
Ohne Widerrede nahm der Junge den dunkelblauen Wollstreifen und wickelte ihn sich mehrfach um. Der Mann fasste zum dritten Mal in seine Hosentasche und kramte in ihr herum, bis er zwei Sicherheitsnadeln in der Hand hielt. „Im Leben muss man für alle Situationen gerüstet sein“, sagte er und lachte leise, während er den Kinderanorak notdürftig zusammenheftete.
Der Junge strahlte ihn an und im nächsten Moment rannte er blitzschnell davon, sodass der Mann gerade noch den Drachen ergreifen und ihn in die Höhe halten konnte. Schon die nächste Windböe erfasste das dünne Papier und trug es empor.
Der Junge war bereits Mitten auf der Wiese, der Mann hatte Mühe, ihn einzuholen.
Als er das Kind fast erreicht hatte, keuchte er: „Bleib stehen! Du musst jetzt mehr Schnur geben. Aber nicht ruckartig.“
Sie standen nebeneinander und die Finger des Mannes führten die des Kindes.
Immer mehr gewann der Drachen an Höhe. Seine vielfarbigen Schwänze tanzten einen wilden Tanz. Und auch der Junge begann von einem Bein aufs andere zu hüpfen.
Der Mann war langsam wieder zu Atem gekommen. „Das hast du wirklich gut gemacht“, lobte er. „Hat dir wohl dein Papa gezeigt, wie das geht.“
„Der hat ja nie Zeit“, entgegnete der Junge und starrte nach oben.
„Hast du eigentlich Kinder?“, fragte er nach einer Weile. Der Mann antwortete nicht. Auch seine Augen verfolgten gebannt den Drachenflug.
Dann spürte er den aufmerksamen Blick des Jungen. „Du bist schon zu alt für Kinder, stimmt´s?“
„Vielleicht.“
„Ich meine ja nur. Das da, was unter deiner Mütze hervorguckt, das sind doch graue Haare, oder? Und ganz schön viele Falten im Gesicht hast du auch...“
„Bist ein kluges Kerlchen. Aber manchmal haben alte Männer trotzdem Kinder. Ich war ja auch nicht immer so alt wie jetzt. Früher war ich ein Vater, und heute bin ich ein Opa, aber meine Enkeltochter wohnt nicht hier.
„Kommt sie dich denn nie besuchen?“
„Doch, doch, Weihnachten sehe ich sie wohl wieder...“
„Und bis dahin?“
„Bis dahin habe ich ja die Drachen.“
„Sind es viele?“ Der Mann nickte und nahm dem Jungen die Schnur aus der Hand “Wir müssen wieder laufen, der Wind lässt nach!“
Sie trabten nebeneinander über die Wiese bis sie merkten, dass der Drachen langsam stieg. Der Mann reichte die Schnur an den Jungen zurück und schaute ihm zu, wie er hin und her lief.
Der Wind hatte gedreht und zerrte nun kräftiger. Der Junge hielt die Schnur mit beiden Händen fest, sein Gesicht war gerötet und Rotz lief ihm aus der Nase.
„Soll ich die Schnur wieder nehmen?“ fragte der Mann, aber das Kind schüttelte nur lachend den Kopf und umkreiste den Mann in wilden Sprüngen.
„Wie viele Drachen hast du denn? Sind es drei oder vier? Oder fünfundzwanzig oder achtzehn? Hast du hundert Drachen zu Hause oder sogar eine Million?“ Bei jeder Zahl sprang er besonders hoch, und der Mann sah ihm zu und schmunzelte. „Ich hab sie noch nie gezählt, aber mit den Jahren kommen schon ein paar zusammen.“
„Du kannst sie doch morgen alle mitbringen, damit ich sehe, welcher am besten fliegt. Oder kommst du morgen etwa gar nicht?“ Der Junge war stehen geblieben und zog das Taschentuch aus der Jacke.
„Wenn genug Wind ist, bin ich jeden Tag hier“, antwortete der Mann. Das Kind putzte sich die Nase.
Plötzlich aber verlor die Schnur ihre Spannung und der Mann schrie: “Pass auf!“ Doch da segelte der Drachen schon hinunter auf die Wiese.
Bevor der Junge begriff, was passierte, war der Mann schon losgerannt.
„Ist er kaputt?“ rief das Kind ängstlich und stand immer noch an der gleichen Stelle. Der Mann besah sich den Schaden, sein Herz tat ihm weh. „Das kriege ich schon wieder hin!“ rief er eine Spur zu fröhlich, erhob sich und ging langsam zu dem Jungen zurück.
„Du musst jetzt nach Hause gehen. Und zeig deiner Mutter den kaputten Reißverschluss, vielleicht ist ja noch Garantie drauf!“
Der Junge griff nach dem Schal. „Behalt ihn!“ sagte der Mann.
„Bis morgen?“ lächelte der Junge. Und er lief erst davon, nachdem der Mann genickt hatte.