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Edgar Kraul

  • zwar kein echter Altmärkischer Autor, dafür aber ein echter AltmärkerEdgar KraulEdgar Kraul

  • geboren 1959 in Klötze

  • Spuren finden sich im altmärkischen Sand von Dannefeld, Beetzendorf, Klötze, Tangerhütte, Tangermünde, Stendal

  • also wie man sieht: einer, der richtig weit in der Welt 'rumgekommen ist

  • auf den Bühnen dieser Welt zu Hause seit 1966, erst als Sopran - das ging dann im Laufe der Jahre immer weiter bergab

  • musikalisch geformt in diversen Schul- und Jugendchören

  • als Tanz- und Unterhaltungsmusiker von 1977 bis 1989 auf den Dorfsälen und in den Partyzelten der Altmark unterwegs, mit "Lutzes Mondscheinband" und der Gruppe "Pegasus" - mal als Rocksänger, mal mit Schlagern in der Kehle

  • seit 2005 im Duett mit dem Liedermacher Thomas Stein

  • durch diesen Kontakt auch seitdem im Kreise der Altmärkischen Autoren

  • der Drang zum Schreiben hat trotzdem noch nicht so richtig abgefärbt

  • aber dennoch ein Autor: nämlich der Verfasser dieser und vieler anderer Internetseiten


 

Halbwahrheiten

Ich laufe zur Linie an den Spielfeldrand,
doch da steh'n schon elf Mann, der Trainer hat mich verbannt.
Sofort wird mir klar: dieses Spiel ist vorbei,
mit mir im Team läuft nie Halbzeit Nummer zwei.
Ich bin der Mann, der nichts mehr vollständig kann.
Mein Glas ist nicht gefüllt, sondern halb leer.

Mittag halb eins, allein im Restaurant.
Ich warte auf den Kellner, schau die Speisekarte an.
Menü Nummer dreizehn habe ich mir ausgesucht,
doch dann fällt mir ein: ich hab nur Halbpension gebucht.
Ich bin der Mann, der nichts mehr vollständig kann.
Mein Glas ist nicht gefüllt, sondern halb leer.

Mein Blick geht zum Himmel, was sehe ich dort?
Die Hälfte vom Mond ist seit Tagen schon fort!
Es gelingt mir nicht einmal zu heulen wie ein Hund -
der Werwolf in mir braucht Frau Luna schön rund.
Ich bin der Mann, der nichts mehr vollständig kann.
Mein Glas ist nicht gefüllt, sondern halb leer.

Der Tag geht zu Ende, aber ich nicht nach Haus.
Das Bett neben mir sieht so unberührt aus.
Denn du hast nicht nur halbe Sachen gemacht.
Seitdem hab ich nichts mehr zu Ende gebracht.
Ich bin der Mann, der nichts mehr vollständig kann.
Mein Glas ist nicht gefüllt, sondern halb leer.
Ich bin der Mann, der nicht nur halb leben kann.
Entweder ganz – oder nicht mehr.

Kernkraftwerk

Mein Leben ist ein Pulverfass, ein Kernkraftwerk.
Als „Schnellen Brüter“ kann man es vielleicht interpretieren.
Ihr füttert es mit Liebe, Hass, Neid, Glück und anderen Gefühlen.
Kein Ingenieur, der prüft, wie diese Stoffe miteinander reagieren.

Die Kettenreaktion in meiner Brust zerreißt mir fast die Sinne.
Denn die Energie will raus. Sagt mir, wo soll sie bleiben?
Ich habe Angst vor der finalen Explosion,
muss Druck ablassen. Ich muss schreiben!


 

Im Advent 2009

Zweiundreißig Grad sind einfach zu viel für vorweihnachtliche Gefühle. Die bunten Kugeln an den Palmen helfen uns auch nicht, die Stimmung ein wenig in Richtung „Stille Nacht, heilige Nacht“ zu drücken. Wozu auch?

Wir haben uns heute auf den Weg gemacht, unsere Urlaubsinsel einmal abseits der großen Hotels und ausgetretenen Touristenpfade zu erkunden. Nach nur einer Stunde Fußmarsch erreichen wir die kleine Badestelle und sind sofort begeistert. Strand, Wasser und Aussicht wie aus einem Karibik-Werbeprospekt. Und dennoch vollkommen menschenleer. Kein Tourist, kein Händler, ja nicht einmal Einheimische, die diese Stelle gern für Familienausflüge nutzen.

Nach einer ganzen Weile beendet das Auftauchen einer Jameikanerin unsere Zweisamkeit. Ihr Alter würden Landsleute als „weise“ beschreiben und die Körperform kommt durchaus dem weiblichen Schönheitsideal in dieser Gegend nahe. Ohne Scheu kommt sie gleich auf uns zu und beginnt auch sofort zu fragen. Sie interessiert sich für unser Hotel, will wissen, aus welchem Land wir kommen und ob es uns auf der Insel gefällt.

Nachdem unsere Antworten zu ihrer Zufriedenheit ausgefallen waren, beginnt sie zu plaudern. Von ihren Cousins in München und Hannover erzählt sie und dass sie unser Land gern mal kennen lernen würde. Aber es wäre leider viel zu weit. Als wir zwischendurch erwähnen, dass wir in den letzten Tagen schon viele Menschen kennengelernt haben, die uns immer wieder auf der Straße ansprechen, bemerkt sie unseren Unterton. Sofort entschuldigt sie sich bei uns für die Landsleute, die in den Urlaubszentren teilweise ziemlich aufdringlich ihre Waren und Dienstleistungen anbieten. Ihr ist es auch nicht recht, wenn Fremde dadurch ein falsches Bild mit nach Hause nehmen.

Gleichzeitig bitte sie uns aber auch um Verständnis. Von der oft sehr direkten Art sollten wir uns nicht verschrecken lassen, sondern den Händlern mit Respekt und einem freundlichen Wort gegenübertreten. Dann akzeptiert der Jamaikaner auch gern ein entschiedenes „Nein danke“.

Diese Erfahrung hatten wir natürlich schon längst selbst gemacht. Scherzhaft werfe ich ein: Ich würde den Händlern gern sagen, dass ich den weiten Weg gemacht habe, um ihr Land anzuschauen, nicht um es zu kaufen!

„Du kannst es nicht kaufen“, so die schlagfertige Antwort, „es ist viel zu teuer!“. Meinen Spaß nimmt Laureen sofort zum Anlass, von ihrer Heimat zu schwärmen. Sie erzählt von der Sonne, die immer scheint und die Menschen so fröhlich macht. Von den vielen fruchtbaren Pflanzen des Regenwaldes, die genug Früchte spenden, um alle Menschen satt zu machen und anderen schönen Dingen.

Etwas nachdenklicher beendet sie ihren Wortschwall: „Und es ist friedlich hier! Überall auf der Welt gibt es so viel Krieg und Gewalt – auf ihrer Insel im Sonnenschein hingegen zählen vor allem Liebe, Musik und Frieden. In diesem Sinn leben die Menschen hier – und deshalb kann ihnen auch niemand dieses „Stückchen vom Himmel“ abkaufen.

Bis zu diesem Erlebnis hatte ich die Slogans wie „Island in the sun“ oder „A little piece of heaven“ für Erfindungen der Marketingstrategen der großen Hotelketten gehalten. Jetzt weiß ich, dass es tatsächlich das tiefe Lebensgefühl der einfachen Menschen dieser wunderschönen Insel ist.

Wenn zu Hause in den nächsten Wochen wieder an jeder Ecke vom „Fest der Liebe“ und vom „Friede auf Erden“ gesungen wird, werde ich mich bestimmt sehr oft an dieses Gespräch mit der weisen Frau aus der fremden, fernen Welt erinnern.

Und ich befürchte, dass es einige Tage und ein paar tausend Kilometer weiter deutlich kälter sein wird. In der Art, wie die Menschen miteinander reden – und über ihr Land.